Zwölf wütende Männer

„Die zwölf Geschworenen“, im Original „12 Angry Men“, ist ein Gerichtsdrama von 1957, das immer noch hoch im Kurs steht (IMDB Top 9). Und das nicht ohne Grund: Das Kammerspiel ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern auch von einem psychologischen Standpunkt aus äußerst interessant. Als Bonus hat er sogar eine deutliche Botschaft über Verantwortung und das amerikanische Rechtssystem.

Das sehr ähnliche Remake von 1997 ist gleichwertig. 2007 erschien auch ein russisches Remake, das schlicht 12 heißt.


Obwohl das amerikanische Rechtssystem uns aufgrund starker medialer Beeinflussung manchmal näher scheint als unser eigenes (das seit 1924 keine Geschworenen mehr kennt), nochmal kurz zur Erinnerung: In Amerika werden, wie in vielen anderen Ländern auch, Geschworene zur Urteilsfindung eingesetzt. Die Geschworenen sind dabei unbeteiligte Bürger, die zufällig ausgewählt werden und meist 12 an der Zahl. Manchmal wird die Aufgabe Geschworener zu sein als sehr lästige Bürgerpflicht wahrgenommen. Ihr Urteilsspruch muss einstimmig „schuldig“ oder „nicht schuldig“ sein. Auf das Strafmaß haben sie keinen Einfluss.


Die Gerichtsverhandlung wird zu Beginn des Films gerade abgeschlossen. Der Angeklagte ist ein junger Puertoricaner, der seinen Vater erdolcht haben soll. Die Beweislast scheint keinen Zweifel zu lassen - es gibt sogar eine direkte Augenzeugin des Verbrechens. Die Geschworenen stimmen direkt ab, weil kein Bedarf zu bestehen scheint viele Worte zu verlieren. 11 Stimmen für schuldig. Nur Geschworener Nr. 8 (Henry Fonda) stimmt für nicht schuldig. Nicht etwa weil er von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist, sondern weil er es nur für notwendig hält eine Entscheidung über ein Leben genau zu überdenken und nicht leichtfertig zu treffen, ohne der Schuld wirklich völlig sicher zu sein. Die anderen versuchen ihn davon zu überzeugen, dass der Jungen es getan hat, aber dabei werden Ungereimtheiten in einer Zeugenaussage und Schwächen der Indizienbeweise offenbar. Weitere Geschworene schließen sich dem „nicht schuldig“ von Nr. 8 an. Doch einige bleiben hartnäckig bei „schuldig“, teilweise aufgrund weiterhin glaubwürdiger Beweise, teilweise aber auch aufgrund persönlicher Motive. Einer der Geschworen stellt sich einfach auf die Seite der Mehrheit, weil es ihm in seiner zynischen Ignoranz wichtiger ist rechtzeitig zu einem Football-Spiel zu kommen, als ein gerechtes Urteil zu fällen.


Während sie ihrer Pflicht nachgehen, werden den Geschworenen keine Namen gegeben, sie sind - obgleich man durchaus so einiges über sie erfährt – auf ihre Funktion reduziert, ganz so wie es als Geschworener sein sollte. Erst zum Schluss, nachdem sie das Justizgebäude verlassen haben, stellen sich zwei der Geschworenen gegenseitig vor. Sie sind nun wieder gewöhnliche Bürger wie der Zuschauer.


Bis zum Ende des Films wird nicht aufgeklärt, wer der Täter nun wirklich war. Vielleicht war es der Angeklagte tatsächlich – das ist jedoch nicht wichtig. Geschworener Nr. 11, ein immigrierter, schweizer Uhrmacher fragt einmal im Film „Ist ihnen die Bedeutung der Formulierung „berechtigter Zweifel“ klar?“, was sie einigen nicht zu sein scheint. Nicht der Verdächtige muss seine Unschuld beweisen, sondern die Staatsanwaltschaft seine Schuld. Das ist ein Grundprinzip aller Rechtsstaaten. Ein berechtigter Zweifel, also einer, der in der Vernunft begründet liegt, nicht im puren Gefühl, reicht für einen Freispruch aus.

Diese Zweifel gefallen mir sehr gut. Man hätte auch einen Film über die Verantwortung der Geschworenen drehen können, bei dem sich heraus stellt, dass der Angeklagte eindeutig unschuldig ist. Aber diese Gewissheit würde die Aussage des Films verwässern. Ich persönlich bin auch jemand der den Freispruch eines Schuldigen als weitaus weniger schlimm ansieht, als die Verurteilung eines Unschuldigen. Das erste ist ein Problem der Beweisführung, vielleicht aufgrund schlampiger Arbeit der Polizei, wegen dem geschickten Vorgehen des Täters, oder schlichtem Pech, aber kein Skandal – wer macht seine Arbeit schon immer perfekt. Das zweite ist aber eine inakzeptable Ungerechtigkeit, die die Legitimation des Gesetztes erschüttert. Da im Zweifel für den Angeklagten entschieden wird, sonst müssten wir auch alle in Furcht leben, da wir immer unsere Unschuld an allen möglichen Verbrechen belegen können müssten, reicht hier ein einfacher Fehler nicht als Entschuldigung. In einem fehlerbehafteten Verfahren dürfte nämlich weder das eine noch das andere sicher festgestellt werden können.

Mal eine kleine Frage: Würdet ihr 5 Leute für 25 Jahre ins Gefängnis schicken, wenn ihr mit hundertprozentiger Sicherheit wüsstet, dass 4 von ihnen kaltblütige Mörder sind, wobei auch eine unterschiedlich hohe Gefahr besteht, dass sie erneut morden, einer aber völlig unschuldig? Ich würde es wohl nicht tun.