Western City

Western City ist ein spielleiterloses Indie-Rollenspiel von Jörg Dünne, das dieser ursprünglich in der GroFaFo-Rollenspiel-Challenge 2006 (mittlerweile Tanelorn) innerhalb von 72 Stunden erstellte. Im Folgenden entwickelte er es weiter und veröffentlichte es als optisch sehr ansprechendes Heftchen mit Hilfe des Red Brick Verlages. Obgleich schon länger in meinem Besitz befindlich, kam ich erst vor ein paar Tagen dazu es mal auszuprobieren.


Es gibt bei dem Spiel kein wirkliches Setting dazu, aber natürlich ist etwas Western-mäßiges vorgesehen. Das versteht ja auch ohne weitere Beschreibungen jeder. Das eigentliche System ist recht simpel, wenn auch wenn es nicht immer ganz klar erklärt wird.

Nach einem simplen Baukasten mit 3 Attributen (Körper, Geist, Ausstrahlung), einem frei definierbaren Beruf und weiteren ebenso frei festlegbaren Fertigkeiten wird ein Hauptcharakter gebaut. Dazu baut jeder 2 Statisten/Nebencharaktere, einen Freund und einen Feind des Hauptcharakters. Jeder SC kennt zumindest einen Statisten eines anderen SC, so dass es Berührungspunkte gibt. Vor jedem Spielabend legt jeder Spieler für seine Spielfigur ein Ziel des Tages und gewisse Ereignisse fest. Aus der Summe der Ereignisse wird ein roter Faden für den Abend entwickelt.

Zur Lösung von Konflikten gibt es ein einfaches Würfelsystem, aber der eigentliche Clou des Spiels liegt in der Verteilung der Erzählrechte. Am Anfang erhält jeder Spieler 5 Pokerchips und einen Dollar. Mit den Chips kann man Szenen ersteigern, wenn Uneinigkeit herrscht, was als nächstes kommen soll und wer somit der nächste ist der eine Szene beschreibt. Darüber hinaus kann man Fakten kaufen, sich mit einer Spielfigur in eine Szene einkaufen, an der man sonst nicht beteiligt wäre, neue Statisten kaufen oder Eigenschaften für bestehende etc., alles zum Preis eines Pokerchips der in den Pott kommt. Ist man mit etwas nicht zufrieden kann man auch ein Veto einlegen, muss dafür es zu verhindern aber mehr Pokerchips bieten als derjenige der es im Spiel haben will. Nach jeder Szene werden die Chips unter allen außer dem Szenenbeschreiber aufgeteilt. Dadurch soll eine ausgeglichene Verteilung des Erzählrechts erreicht werden.

Der Dollar gibt einem über eine Szene quasi uneingeschränkte Macht und wird natürlich nicht wieder verteilt.


Wir haben beim Spielen keine einzige Szene versteigert, weil wir uns immer so einigen konnten. In diesem Sinne wären wir vielleicht auch ohne eine genauere Regelung ausgekommen, aber es war dennoch beruhigend im Zweifelsfall eine Regelung zu haben. Fakten gekauft und Vetos dagegen eingelegt wurde allerdings durchaus, auch wenn meine Mitstreiter meiner Ansicht nach zu sparsam mit den Chips umgingen und ihren Fluss hemmten (was wohl einfach an der ungewöhnlichen neuen Spielweise liegt). Auch von der Möglichkeit neue Statisten zu schaffen, seinen Char in einer Szene zu wechseln oder sich in eine Szene ohne ihn einzubringen wurde Gebrauch gemacht. Das hat im Prinzip sehr gut geklappt. Auch das Würfelsystem erfüllt seinen Zweck und ist ein wichtiger Bestandteil, z.B. um Duelle spannend zu machen – anders als wenn man das ebenfalls über Chips regeln würde. Eine Schwachstelle des Systems ist seine stellenweise Undeutlichkeit, was aber eigentlich nur Formulierungsprobleme sind. Vor allem störend ist, dass die Chips nur gleichmäßig aufgeteilt werden (können), also bei 5 Spielern nur in 4er-Schritten, was eben doch zu erheblicher Ungerechtigkeit führen kann, gerade wenn man eher passive Mitspieler hat. Der Dollar wurde nicht von jedem Spieler eingesetzt, hat aber zu sehr schönen Szenen geführt. Die Ereignisse, die zu Beginn um den roten Faden gruppiert wurden, haben sehr elegant zu einem gelungenen Verlauf beigetragen.


Alles in allem hatten wir viel Spaß. Das System war währenddessen ein grobes aber nützliches Hilfsmittel. Kann man weiter empfehlen. Dabei heraus kam ein stellenweise nicht ganz logisch wirkender (was bei freierem Rollenspiel oft vorkommt) aber sehr blutiger und dramatischer (Italo-?)Westernepos, der auch im Nachhinein betrachtet sehr schön ist. „Blut wird fließen!“



Auch wenn es nicht ganz unserer Truppe entspricht, hier die Helden des Wilden Westens:

Große Ansicht

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