„Watchmen! One of us died tonight“

Das ist der Anfang der Ereignisse in Zack Snyders Verfilmung des Kultcomics Watchmen von Alan Moore (Text) und Dave Gibbons (Zeichnungen) aus den Jahren 1986/87. Lange galt der Stoff aufgrund seiner Länge und Komplexität als unverfilmbar – obwohl ich der Meinung bin, dass der Stil der Graphic Novell von vorne herein besser für bewegte Bilder und Ton geeignet gewesen ist. Unter anderem wollte Terry Gilliam (Die Ritter der Kokusnuss, 12 Monkeys, Brazil) den Film drehen, hatte aber zunächst Finanzierungsprobleme und ließ es dann, weil er meinte der Comic sei angemessen höchstens als 5-stündige Mini-Serie umsetzbar. Schließlich wurde er nun endlich doch als Kinofilm realisiert.


Er spielt im Jahre 1985 und ist in einer Parallelwelt angesiedelt, die etwas düsterer ist, als die unsere. Es gab nach erscheinen der ersten Superhelden-Comics echte Superhelden, allerdings ohne Superkräfte, also eigentlich eher kostümierte Helden. Diese nannten sich die Minutemen und in einer späteren Generation die Watchmen. In den Siebzigern verbat aber der so genannte Keene-Act ausdrücklich die Eigenmächtigkeiten dieser selbst ernannten Heroen verbietet. Einige haben darauf hin tatsächlich aufgehört, der radikale Rorschach ließ sich von dem Erlass nicht beeindrucken und zwei Watchmen arbeiten nun für die Regierung.

Der größte Unterschied in dieser Parallelwelt ist die Ausnahme unter den kostümierten Helden. Der Physiker Jonathan Osterman, der durch einen Unfall zu einem blauen Wesen wurde, das Dr. Manhattan genannt wird und über gewaltige Superkräfte verfügt, die ihn schon zu einer Art göttlichen Gestalt macht. „Der Übermensch existiert und er ist Amerikaner“, kommentiert ein Reporter. Er bedeutet eine massive Machtverschiebung im Kalten Krieg zu Gunsten der Amerikaner. Ich denke in diesem Ungleichgewicht in der Balance of Terror dürfte das Hauptproblem dieser Welt liegen, denn dadurch fühlen sich die Sowjets erst recht bedroht, auch wenn der Autor das vielleicht anders sah. Nixon ist auch im Jahre 1985 noch Präsident und regiert somit länger als er es nach den heutigen Gesetzen der USA dürfte. Der kriminelle Präsident, dessen Missetaten man derzeit ja auch in Frost/Nixon thematisiert findet, steht hier dafür dass in dieser Welt etwas schief gelaufen ist.


Zurück zur eigentlichen Geschichte, auch wenn die - wie die Vorlage - der Charakterisierung der Watchmen viel Raum gibt. Am Anfang wird der Comedian, ein brutaler Watchmen der für die Regierung arbeitet, ermordet. Rorschach vermutet dahinter einen Angriff auf die Superhelden. Er warnt seine ehemaligen Kollegen und scheint darin durch weitere Angriffe bestätigt zu werden. Auch Dr. Manhattan verlässt nachdem man ihn unter heftigen psychologischen Druck gesetzt hat die Erde. Die Watchmen machen sich daran der Verschwörung auf den Grund zu gehen. Grauenhaftes ist im Gange. Da er nicht wie üblich in die Zukunft blicken kann, glaubt Dr. Manhattan, dass der nukleare Holocaust bevorsteht, der das verursacht. Doch sein Interesse für die Menschen ist geschwunden...


Die Verfilmung ist exzellent gelungen und hält sich eng an die Vorlage. Natürlich gibt es Kürzungen aber nur minimale Änderungen – nur das Ende wurde wesentlich verändert. Dementsprechend wurden die Schwachstellen auch nicht gestopft.


[Massive Spoiler]

Eine schöne Kürzung ist in einer Szene auf dem Mars vorgenommen worden, in der Dr. Manhattan von seiner Geliebten Jane – ebenfalls ein Watchmen – davon überzeugt wird, dass die Menschheit es wert ist gerettet zu werden. Hier labert der Doc nämlich ziemlich viel Unsinn und dadurch, dass er weniger Text hat auch weniger Unsinn. Trotzdem bleibt seine idiotische Behauptung, dass Jane (wie auch jeder andere Mensch) ein Wunder sei, weil die Entstehung genau ihrer Person so unwahrscheinlich sei. Dabei führt er nicht mal das eigentlich naheliegendere Entstehen von Leben allgemein an, was er ja zunächst auch nicht wert schätzt, sondern redet von den Millionen von Spermien usw.. Natürlich ist die Existenz eines bestimmten Menschen durch die zahlreichen Faktoren unwahrscheinlich, aber die Entstehung irgendeines Menschen ist sehr wahrscheinlich. Wenn man aus einem Bottich mit vielen Kugel eine zieht ist es doch kein Wunder, dass man diese bestimmte Kugel gezogen hat, denn eine musste man ja ziehen.


Das Ende wurde dahingehend verändert, dass der geniale Watchmen Veidt nicht nur New York, sondern mehrere der bedeutendsten Städte der Welt vernichtet und zwar mit einer Energie, wie sie Dr. Manhattan besitzt. Er hatte ihn zum Bau einer entsprechenden Maschine veranlasst, vorgeblich um eine alternative Energiequelle zu erhalten. Vereint durch den gemeinsamen Feind schließen die Supermächte zunächst einmal Frieden.

Dieses Ende finde ich besser als das Originale, indem er ein scheinbar außerirdisches Wesen züchtet, dass er nach NY teleportiert und dort mit einer Art psionischen Welle alle Menschen tötet. Dr. Manhattan ist eine bekannte, sehr mächtige Wesenheit und sein Angriff nachhaltig glaubwürdiger als eine Bedrohung durch Aliens, die sich ja danach nicht mehr blicken lassen. Zudem ist der gleichmäßige Angriff friedenssichernder. So ist ausgeschlossen, dass etwa die Amerikaner doch glauben, dass irgendwie die Roten dahinter stecken. Oder etwa dass die Russen glauben, die Außerirdischen würden wohl möglich auf ihrer Seite stehen oder ließen sich dazu überzeugen.

Außerdem wurde auch noch eine Schelte und ein paar Schläge für Veidt eingebaut, die er sich redlich verdient hat. Unverändert wurde die allerletzte Szene mit Rorschachs Tagebuch übernommen, das letztlich doch droht den riesigen Trick auffliegen zu lassen.


Das finde ich schön, denn ich halte nicht wirklich viel von Veidts Lösung. Abgesehen davon dass Massenmord generell verwerflich ist, scheint er gerade aus heutiger Sicht unnötig. Wir haben den Kalten Krieg auch ohne so etwas überstanden. Veidt, der als klügster Mensch der Welt gilt1 und obendrein Pazifist ist, hätte sich bewusst sein müssen, dass es andere Lösungen gibt und er diese forcieren könnte.

[Massive Spoiler Ende]




Ein wenig hinters Licht geführt fühlt man sich, wenn man erfährt, dass im Sommer der 190-minütige Director's Cut wenigstens in LA und NY in die Kinos kommen und natürlich auch auf DVD erscheint. Zuvor wird auch eine DVD mit dem heraus gekürzten Comic im Comic, die „Tales of the Black Freighter“2 erscheinen (und Auszügen aus „Under the Hood“). Später vermutlich auch eine Version mit den Tales in den Film herein editiert wird (vielleicht mit weiteren Szenen am Zeitungskiosk, der auch schon in einer Einstellung im Kinofilm zu sehen war), was dann einen ziemlich langen Film ergeben dürfte. Eine Version die nicht weit entfernt sein dürfte von den 300 Minuten, die Gilliam wollte.







1 Auch wenn er als Passwort für den Computer mit seinem Masterplan den Namen eines seiner Vorbilder, „Ramses II“, verwendet und ein Buch mit dem Passwort als Titel daneben steht.

2 Ein Comic um ein Schiff mit verdammten Piraten. Die hier vorkommenden Geschichte „Marooned“ ist eine Allegorie für die Ereignisse in Watchmen. Der Protagonist eilt nach der Vernichtung seines eigenen Schiffes seiner Heimatstadt entgegen, um sie vor den freighter zu warnen. Dabei wird er durch seine Furcht und Verzweiflung immer mehr selbst zum Übel, während jene schrecklichen Kreaturen die Siedlung gar nicht angreifen. Zunächst missbraucht er seine toten Kameraden als Material für sein Floß. Angekommen tötet er ein Pärchen - im Glauben seine Heimatstadt sei schon zerstört und es handele sich um Kollaborateure. Schließlich ermordet er im Dunkel auf Rache sinnend seine eigene Frau. Als ihm klar wird, was er getan hat, schließt er sich der Crew des teuflischen Schiffes an, das vor der Küste auf ihn wartet, von nun an ein Verdammter wie sie. Das eigentliche Ziel der Verfluchten war die Seele des Unbescholtenen zu verderben.

  Ein profaner Gedanke war auch, dass angesichts der realen und oft wenig geliebten Superhelden die Superheldencomics schnell außer Mode kamen und ihre herausragende Stellung durch Piratencomics eingenommen wurde.

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: