Totentanz

Auch wenn er bei der morgigen Oscarverleihung nur für den besten fremdsprachigen Film nominiert werden kann und ist, so würde meine Wahl für den besten Film des letzten Jahres auf „Waltz with Bashir“ fallen, eine israelisch-deutsch-französische Animationsdokumentation. Nicht nur wegen seines Genres ist der Film ungewöhnlich. Er ist eine filmische Aufarbeitung des Libanonkrieges im allgemeinen und im speziellen des Massakers von Sabra und Schatila aus der Sicht von Regisseur Ari Folman und seinen Kameraden. Zwei Tage nach dem erfolgreichen Bombenattentat auf den libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel am 14.9.1982 überfielen phalangistische, also christliche Milizionäre als Racheakt ein palästinensisches Flüchtlingslager, das unter dem Schutz der israelischen Armee stand. Die Israelis hatten die Lager am Vortag umstellt, angeblich um verbliebene palästinensische Milizen zu entwaffnen. Während die Flüchtlinge bis zum Morgen des 18. abgeschlachtet wurden reagierten sie jedoch überhaupt nicht, sie versorgten die Phalangisten sogar mit Bulldozern, Verpflegung, Munition und Flares in der Nacht.

Die Zahl der Todesopfer schwankt je nach Quelle zwischen 460 und 3300, nicht mitgezählt die Opfer von Verstümmelungen, Folter und Vergewaltigung. Die Garantie der Sicherheit der Flüchtlinge war eine Bedingung des zuvor mit der „Palestine Liberation Organisation“ ausgehandelten Waffenstillstandes, der auch einen Abzug der PLO-Kämpfer aus dem Libanon einschloss. Damit ist dieses Gemetzel natürlich erstklassige Nahrung für radikal-islamische Extremisten, so prangert es beispielsweise „Terrorpapst“ Osama bin Laden in seinen Videobotschaften als Exempel für die Bösartigkeit der Zionisten an.


In „Waltz with Bashir“ ist das Massaker zwar Ankerpunkt, kommt dabei aber erstaunlich wenig vor. Am Anfang trifft Folman sich mit einem alten Kameraden, der von Alpträumen geplagt wird. In seinen Träumen tauchen immer wieder 26 blutdürstige Hunde auf – Wachhunde, die er in seiner Zeit als Soldat erschießen musste. Nach vielen Jahren hat er plötzlich solche Probleme. Bei dieser Begegnung fällt Folman auf, dass er selbst sich nicht mehr an die Zeit im Libanon erinnern kann, und da ist er nicht der einzige. Er sucht andere auf, die mit ihm zusammen dort waren, befragt sie über das an was sie sich erinnern. So setzt er langsam auch sein eigenes Gedächtnis wieder in Gang, und dringt immer weiter zum Massaker vor, bei dem er eigentlich ganz in der Nähe war. Gegen Ende befragt er auch einen den erfahrenen Kriegsberichterstatter Ron Ben-Yishai, der Ariel Scharon, der damals Verteidigungsminister war, anrief und auf die grausigen Vorgänge in den Lagern hinwies. Aber nichts geschah. Ebenso kommt ein Offizier zu Wort, der erzählt, wie er seinen Vorgesetzten von dem Massaker berichtete. Die wiegelten ab, sagten es wäre unter Kontrolle, sie hätten es weitergegeben, doch reagierten nicht.

Zum Schluss werden einige der raren Aufnahmen von den Opfern des Massakers gezeigt. Ein gutes Ende, das die wichtige Aufgabe erfüllt, zu zeigen, dass all das real ist. Der Stil des Films wirkt auf eine anziehende Art so poppig, dass man in Versuchung gerät zu vergessen, dass die Abgeschlachteten wirklich echte Menschen waren. Doch die abschließenden Bilder machen einem das eindringlich deutlich.


Überhaupt, so betont es Folman in einem Interview, sei alles im Film echt. Auch, und das finde ich besonders beachtenswert, die Träume. Lediglich zwei der Interviewten (Boaz und Carmi) sehen anders aus und wurden auch im O-Ton nachgesprochen, weil sie nicht im Film auftreten wollten.

Natürlich sind die Dinge künstlerisch aufbereitet, so wie auch das Gehirn die Erinnerungen aufbereitet, aber sie sind eben nicht einfach erfunden. So ist „Waltz with Bashir“ kein politischer Film, der etwas über die großen Zusammenhänge erzählt; es wird alles auf der sehr persönlichen Ebene des Regisseurs und der Interviewten behandelt. Mehr noch als persönlich, kann man schon von intim sprechen, denn wann bekommt man schon echte Träume vorgeführt - ich kann mich nicht mal an meine eigenen erinnern.


Der hypnotische Mix aus Volksmusik, 80ger Elekro-Pop, klassischen Stücken und mit Streichern und Piano unterstützten Synthesizern (oder umgekehrt) der den Soundtrack des Films bildet, unterstreicht den Film hervorragend. Komponist Max Richter erhielt für seine meditativ wirkende Arbeit den Europäischen Filmpreis für die beste Musik. Auf der käuflich erwerbaren Version fehlen leider einige Stücke, was vor allem bei der Volksmusik auffällt.


Die DVD erscheint am 8. Mai. Mögliches Bonusmaterial könnte dabei sehr interessant sein.

Aber auch ohne das ist „Waltz with Bashir“ ein faszinierender, schockierender wenn auch nur bedingt bildender Antikriegsfilm und ein Film über den menschlichen Geist.


Das nächste Projekt von Ari Folmann soll eine Verfilmung von „Der futurologische Kongress“ des (jüdisch-)polnischen Science Fiction-Altmeisters Stanislaw Lem sein. Wie es heißt wiederum animiert, aber mit echten Action-Szenen. Einen Blogartikel mit einer Buchrezension findet sich hier.



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