Ein Leben in Angst

Das einzige Land das tatsächlich mit nuklearen Waffen angegriffen wurde ist Japan. Später hatte es auch unter den Atomwaffentest der Supermächte zu leiden, weil der Wind verstrahlte Wolken zu ihnen brachte. Verständlich dass das so gebeutelten Bevölkerung unter einer besondere Furcht zu leiden hatte, die wahrscheinlich noch über die allgemeine „Kalte Kriegs-Hysterie“ hinausging. Mit eben dieser Furcht beschäftigt sich Akira Kurosawas Film „Bilanz eines Lebens“. Gedreht wurde er 1955, also 10 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki, und spielt auch in der damaligen Gegenwart.


Kiichi Nakajima (Toshirō Mifune) ist ein wohlhabender Gießereibesitzer und Patriarch seiner Familie. Zu dieser Familie zählt er auch mehrere uneheliche Kinder und Geliebte. Der alte Mann könnte eigentlich recht zufrieden mit seinem Leben sein, allerdings leidet unter er fürchterlicher Angst vor der Wasserstoffbombe. Deshalb plant er mit all seinen Lieben nach Brasilien auszuwandern und die Gießerei zu verkaufen. Das ist seinen Kindern aber gar nicht recht. Sie halten es für eine völlig verrückte Idee und fürchten nach dem Auswandern zu finanziell Grunde zu gehen. Deshalb versuchen sie ihn zu entmündigen, indem sie ihn von einem Gericht für Unzurechnungsfähig erklären lassen. Ihre Mutter hilft ihnen dabei indem sie den Antrag stellt, obwohl sie selbst nicht sonderlich begeistert von der Idee ist. Der Fall wird zu Gunsten der Kinder entschieden, lediglich den als Schöffen beteiligten Zahnarzt Dr. Haradra (Takashi Shimura) plagen Zweifel, ob er wirklich richtig entschieden hat.

Kiichi kann die Situation so verständlicher weise nicht akzeptieren. „Es ist schrecklich! Meine Gedanken laufen im Kreise wie in einer Tretmühlen! Und am Ende jedes Gedanken steht die Bombe! Die Angst vor ihr verfolgt mich überall hin!“, beschreibt er seine Befindlichkeit. Er geht in Berufung, versucht heimlich Geld aufzutreiben, um Anzahlungen zu leisten – denn das Auswandern sollte durchaus keine überstürzte Flucht sein. Er ist fest entschlossen alles zu tun, was nötig ist um die Seinen zu beschützen, auch gegen deren Willen.


Die Angst Kiichis vor der bedrohlichen Welt wird dem Zuschauer auch geschickt durch Hintergrundgeräusche nahe gebracht. Öfters hört man Sirenen, deren Ursache unklar ist. Einmal auch Düsenjets, vermutlich amerikanische Jäger, kurz darauf ein grelles Licht, wie das Aufblitzen einer Atombombe, dann dumpfes Grollen – es ist nur ein Gewitter, dem zum Trotz die Jets offenbar fliegen. Der alte Mann ist dadurch in wilde Panik versetzt worden, hat sich schützend über sein Kind geworfen und ihn dadurch zum Weinen gebracht. Die Mutter, die nicht seine Frau ist, schnappt sich das Kind und ist entsetzt über den scheinbar Irrsinnigen wegen seiner übertriebenen Reaktion.


Besondere Erwähnung verdient Mifunes Schauspielleistung, dem es hier mühelos gelingt sein Alter von 35 mit nur ein klein wenig Schminke und Haarfärbemittel zu verbergen. Durch sein verzogenes Gesicht wirkt er wie ein Alter man, nur gelegentlich z.B. bei Großaufnahmen seiner Hände, denkt man sich dass Herr Nakajima doch sehr gut in Schuss ist.


Der Film war ein großer Flop in Japan und wurde erst gar nicht ins Ausland exportiert. Erst Jahre später kam er über den Umweg von Festivals doch noch zu einem größeren Publikum. Aber er hätte auch zu Beginn mehr Aufmerksamkeit erhalten können.

Mit plakativer Deutlichkeit stellt Kurosawa die Frage: Ist Kiichi verrückt, weil er sich so übertriebene Sorgen macht, oder ist die Welt es, die verrückt ist. Sind nicht wir unvernünftig, wenn wir ob der schrecklichen Gefahren die uns umgeben nicht in Furcht und Schrecken leben oder gar in Furcht leben, doch nicht alles was in unserer Macht steht dagegen tun.

Ein durchaus aktuelles Thema - nicht zeitlos aber aktuell. Nach Ende des Kalten Krieges Anfang der Neunziger war die Stimmung eher von großer Hoffnung geprägt, sogar vom Ende der Geschichte war die Rede. Man blickte erwartungsvoll in eine goldene Zukunft. Die großen Ängste starteten, abgesehen von einer abstrusen Millenium-Hysterie, erneut mit den Anschlägen vom 11. September. Hier nicht so stark, aber extrem in den USA mit den bekannten politischen Folgen. Eine gesteigerte Angst ähnlich wie auch das tatsächlich schon betroffene Japan stärker von der Angst vor der Bombe betroffen war als andere Länder. Und dann die weniger schlimme, aber allgegenwärtige Finanzkrisenpanik.

Die Zahl der zusätzlichen Verkehrstoten dadurch, dass nach dem 11.9.2001 mehr Menschen mit dem Auto fuhren, weil sie eine Abneigung dagegen hatten ein Flugzeug zu benutzen, war – so analysierten es fleißige Statistiker – größer als die Anzahl der bei den Anschlägen getöteten. Das zeigt nicht nur wie erfolgreich diese Attentate waren, sondern ist auch ein beeindruckendes Zeugnis für die Macht der Furcht, die schlimmer sein kann als das, wovor man sich fürchtet. So bin ich auch der Ansicht, dass die Menschen schon zu viel bangen. Die Welt weist zwar viele Bedrohungen auf, aber viele stellen sich im Nachhinein als halb so schlimm heraus, wie sie dargestellt werden. Natürlich sollte man große Probleme ernst nehmen und ihnen entgegenwirken, aber man darf sich nicht von ihnen überwältigen lassen, so dass die Angst das Leben bestimmt und die Vernunft verdrängt. Dadurch dass man aus einem wohlhabenden Staat auswandert dürfte man sich jedenfalls nicht vor den großen Schwierigkeiten unserer Zeit schützen können, sie offensiv anzugehen ist eh besser.