Ein Hoch auf die Pharmokratie

Nun ausnahmsweise mal eine kurze Literaturbesprechung, und zwar das 1970 geschriebene Büchlein (in der Suhrkamp-Fassung 139 Seiten lang) „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem. Der vor knapp zwei Jahren in hohem Alter gestorbene Lem ist nicht nur ein bedeutender polnischer Science Fiction-Autor, überdies auch Philosoph und Essayist. Unter seinen Werken finden sich auch merkwürdige Dinge wie Rezensionen und Vorworte zu nicht-existenten Büchern oder Weapon Systems of the 21st Century“ - von 1983 wohlgemerkt. Sein bekanntestes Buch sind wohl die Sterntagebücher, die mit dem „futurologischen Kongress“ ihren Protagonisten teilen, den Raumfahrer Ijon Tichy. Der Grund, dass ich gerade dieses Buch wählte liegt aber in einer für 2010 angekündigten Verfilmung durch Ari Folman, den Regisseur von Waltz with Bashir.


Der berühmte Kosmonaut Ijon Tichy reist nach Costricana, um dort am achten Futurologischen Kongress teilzunehmen, obwohl er davon nicht wirklich Ahnung hat. Dummer weise kommt es am ersten Tag des Kongresses zu einer Rebellion mit Straßenschlachten und allem drum und dran. Das Militärregime setzt Bemben (Bomben menschlicher Brüderlichkeit) ein, also solche Sprengsätze die psychotrope Substanzen mit der versöhnender Wirkung verteilen. Die Gasmasken der Polizisten funktionieren leider nicht wie vorgesehen und überhaupt gibt es ein gewaltiges Chaos. Ijon verschanzt sich mit ein paar anderen in der Kanalisation, wird dort aber letztlich doch von einer dicken Portion Halluzinogenen erwischt und dreht übelst am Rad. Nach zwei eingebildeten Rettungen, glaubt Ijon nicht mehr an die Realität der Folgenden. Er wird in Kryostase versetzt und erst im Jahre 2039 wieder geweckt.

Dort beherrscht die so genannte Psychemie den Alltag. Jede Gefühlsregung wird durch die passende Droge erzeugt. Man lernt keine Dinge mehr, sondern trinkt eine Flüssigkeit und kennt den Inhalt einer Enzyklopädie. Man bestellt sich einen Traum und erhält ihn in Form einer entsprechenden Pastille geliefert. Die Welt ist friedlich und jeder scheint wohlhabend und zufrieden zu sein. Aber kann die Welt auf diese Weise wirklich so gut funktionieren? Ijon Tichy hat da einige Vorbehalte...


Die Geschichte ist recht lustig geschrieben und sprudelt über vor neuen Wortschöpfungen. Damit einher gehen auch viele schöne Ideen, aber manchmal scheint mir Lem hier etwas übertrieben zu haben, z.B. wenn er immer wieder zahlreiche Namen für Psychopharmaka aufzählt. In dem Buch taucht sogar ein Wissenschaftler auf, der ganz ähnlich wie Lem, die zukünftigen Möglichkeiten der Sprache ergründet. Damit will der fiktive Wissenschaftler und vielleicht auch Lem ebenfalls die zukünftigen Möglichkeiten von allem anderen ergründen, denn „Was unsagbar ist, ist unfassbar.“. Bei all diesen Wortspielereien stellt sich natürlich auch die Frage nach der Übersetzung, denn das polnische Original dürften die wenigsten lesen können. Der halbe Roman steht und fällt also im Falle der Suhrkamp-Ausgabe mit I. Zimmermann-Gölheim, der seine Sache aber gut gemacht zu haben scheint.

Die Handlung des Buches ist zu einem Großteil einfach eine Weltbeschreibung, was aber sehr angenehm rüberkommt. Man wird zunächst ein wenig ins kalte Wasser geworfen, kann aber im Prinzip dennoch alles sofort erfassen und somit viele Informationen über Lems Visionen schnell und intensiv aufnehmen.


Angesichts der Kürze kann man nicht viel falsch machen, wenn man die Novelle liest. Die Kürze steigert für manch einen wahrscheinlich sogar die Qualität, denn während der verwendete Stil so unterhaltsam wirkt, könnte er bei einem längeren Roman leicht nervig werden.


Für den Stoff, der sich meist um Personen unter Drogeneinfluss dreht, scheint mir Ari Folman genau der richtige zu sein. Für einen Film wie ein LSD-Trip.


 

Bild aus dem Theaterstück zum Buch