Die Zeitmaschine

Im Jahre 1895 wurde erstmalig der Roman „The Time Machine“ von Science Fiction-Pionier H.G. Wells veröffentlicht. Das war zwar nicht der erste Roman, der sich mit Zeitreisen beschäftigt, aber der erste der sich ihm auf eine Science Fiction-Art, also wissenschaftlich nähert, und bei dem mit einer Zeitmaschine gereist wird. Wie viele andere von Wells Romanen wurde auch dieser verfilmt, sogar mehrfach: 1960 und nochmal 2002 von Wells Urenkel Simon Wells (dazu kommen 2 TV-Fassungen von 1949 und 1978).


SPOILERWARNUNG: Die sehr bekannte Geschichte wird hier auch gänzlich enthüllt.


Im Roman erklärt der Zeitreisende seinen ungläubigen Freunden erstmal die grundsätzlichen Überlegungen die hinter dem Zeitreisen stehen, dass eine Bewegung in der 4. Dimension durch eine entsprechende Maschine genau wie die kontrollierte Bewegung in den anderen 3 Dimensionen möglich sein müsste. Natürlich verzichtet Wells auf eine Beschreibung des Funktionsprinzips der Maschine selbst, aber dennoch ist diese Einleitung wohl durchdacht – insbesondere für die Zeit aus der sie stammt. Später berichtet er von seinen Erlebnissen.

Der Reisende, der sich in seiner eigenen Zeit nicht so recht zu Hause fühlt reist in die weit entfernte Zukunft, wo er technologisch und sozial höher entwickelte Menschen vermutet, und zwar aufgrund geologischer Gegebenheiten weiter als gedacht in das Jahr 802.701. Dort trifft er in der Tat auf eine Nachfahren der Menschen, allerdings sind sie ganz andere als er es sich vorstellte. Die verweichlichten Eloi, wie diese degenerierten Abkömmlinge sich nennen, kümmern sich nicht wirklich etwas, sie sind weitgehend geist- und leidenschaftslos, leben aber trotzdem in scheinbar paradiesischen Zuständen ohne zu arbeiten. Die prachtvollen Überbleibsel ihrer früheren Hochkultur lassen sie bedenkenlos dem Verfall anheim fallen. Als eine der ihren zu ertrinken droht, schert den Rest das nicht weiter. Zum Glück für Weena, wie die dem Ertrinkungstode nahe heißt, ist der Zeitreisende aus anderem Holz geschnitzt und zieht die Frau aus dem Fluss. Sie ist in der Folge seine Begleiterin, knüpft zarte Bande zu ihm, findet aber ein unglückseeliges Ende.

Der Reisende in der 4. Dimension findet heraus, dass es noch eine andere Art Nachfahren der Menschen gibt, die so genannten Morlocks. Sie leben unter der Erde, betreiben Maschinen und verpflegen die Elois mit allem was sie brauchen. Entgegen der ersten Vermutung des Reisenden sind es also die im Dunkel lebenden Abkömmlinge der Unterschicht, nicht die perfekt angepasste Umwelt, die den Eloi ihr sorgenfreies Leben ermöglichen. Die Verhältnisse haben sich aber verdreht: Die frühere „Oberschicht“, die durch ihre Dekadenz und den Mangel an Pflichten verkümmerten, wird durch die „Arbeiterklasse“ der Morlocks wie Vieh gehalten und dient ihrem kannibalistischem Hunger nach Fleisch. Eine düstere Version der Zukunft und eine drohende Kritik am Manchester-Kapitalismuss. Die Arbeiter, das Rückgrat der Gesellschaft, könnten sich gegen ihre Ausbeuter wenden. Freilich sind die Morlocks auch keine Wunschenkel, so dass auch die Mahnung mitschwingt bei einer Änderung der Verhältnisse nicht selbst zum Unterdrücker oder auch zum Rächer zu werden.

Der Zeitreisende, dessen Name im gesamten Roman ungenannt bleibt, reist aber noch viel weiter in die Zukunft. Dort muss er feststellen, dass die Evolution auch nicht vor dem Menschlichen halt macht und die Bewohner der Erde mit der Zeit durch völlig fremdartige Kreaturen ersetzt werden. Und dass letztlich sogar der Planet Erde durch die Verwandlung der Erde in einen Roten Riesen dem Untergang geweiht ist. Dieses nihilistische Ende traut sich keine Kinoversion durch zu ziehen oder möchte es nicht.

Um photographische und andere Beweise für seine unglaublichen Erzählungen zu bringen, reist der englische Gentleman, der Protagonist des Werks ist, erneut in die Zukunft, kehrt aber niemals zurück. Vermutlich einfach um den vorgeblich dokumentarischen Charakter des Romans nicht zu ruinieren.


Die 2002 veröffentlichte Version geht von einem ganz anderen Motiv für die Zeitreise aus. Auf irgendwelche Erklärungen zu dem Reisen durch die 4. Dimension wird gänzlich verzichtet. Ingenieur Alexander (Guy Pearce) will den Tod seiner Angebeteten ungeschehen machen, was ihm aber nicht gelingt (wobei er aber auch nur einen Versuch macht). Darum reist er in die Zukunft, um festzustellen woran sein Versagen – der Zwang dass er Versagen muss – liegt. Er reist in eine Nahe Zukunft in der es zwar eine futuristische Hologrammbibliothek gibt, aber auch hier findet er keine Antwort. Etwas weiter in der Zukunft sieht er wie der Mond in Stücke gerissen ist, nachdem man dort Sprengungen zum Bau eines Vergnügungsparkes durchführte. Dies soll wohl der Anfang vom Ende sein, was aber nicht so sehr überzeugend ist.

Alexander reist weiter und kommt schließlich ins 803. Millenium. Die Eloi werden hier aber keineswegs als degeneriert dargestellt; sie leben in ästhetischen Holzbauten, fahren Boote und bauen Windmühlen – praktischer weise lernen sie sogar alte Sprachen, nämlich Englisch. Eine Eloi weckt auch sein ganz persönliches Interesse, den Tod der Frau, die er heiraten wollte, scheint er zumindest subjektiv rasch überwunden zu haben. Über die Zustände wird er und der Zuschauer von der haltbaren Hologrammbibliothek aufgeklärt. Die Morlocks scheinen mir mit ihrem biologischen Kastenwesen zwar sehr hoch entwickelt zu sein, aber vielleicht dient das nur dem Vergnügen der Maskenbildner und der Gelegenheit kurz etwas pseudo-philosophisches und offenkundig unzutreffendes (wie dass die Eloi nicht für die Zukunft planen) Geschwafel von einem Brain-Morlock einzubringen. Dieser Herrscher-Morlock wird vom Oscarpreisträger Jeremy Irons (Die Affäre der Sunny von B., The Mission, Königreich der Himmel, Inland Empire, aber auch Dungeons&Dragons und Eragon) bemüht verkörpert, überzeugt dank schlechtem Drehbuch aber trotzdem nicht. Wenigstens wird hier Alexanders Motiv noch mal aufgegriffen und er erhält seine Antwort, auf die der Zeitreisende aus dem Roman allerdings auch selber gekommen wäre. Letzterer hätte wohl auch zumindest im Nachhinein ein schlechtes Gewissen gehabt (denn solche Überlegungen kommen im Buch vor) wenn er Genozid an den Morlocks begangen hätte. Hier ist der Zeitreisende aber frohen Mutes „Ich ändere die [übel aussehende] Zukunft“; er setzt die Zeitmaschine als eine Art zielgericheter Energiebombe ein – ein ihm offenbar bekannter Effekt, der unpassender nicht hätte sein können.

Insgesamt muss man ein sehr durchwachsenes Urteil abgeben. Diesem Film mangelt es an so ziemlich allem was die Vorlage ausmacht und allgemein an geistreichen Einfällen. Es gibt zwar ein paar nette Effekt und Sets, aber da hat man schon besseres gesehen.


Und zwar erstaunlicher weise wenn man 42 Jahre in die Vergangeheit reist, in dem als Klassiker geltenden Film „Die Zeitmaschine“ von George Pal aus dem Jahre 1960. Die Computertechnik macht zwar vieles leichter, trotzdem sind die Special Effects gewiefter und von den Ideen her glaubwürdiger und einfach mit mehr Herz umgesetzt. Das schaffte die 2002-Version nicht, obwohl sie diese Vorlage hatte und offenkundig auch nutzte. Da sind zum Beispiel Blumen die die Erblühen, Kerzen die herunter brennen oder ein Mannequin eines traditionsreichen Modegeschäfts, dass den Verlauf der Zeit durch den Wechsel seiner Kleider simpel aber brilliant verdeutlicht. Diese Idee wird auch von Simon Wells aufgegriffen, doch er hakt es so schnell ab, dass es keinerlei Wirkung entfalten kann. Sicherlich sind beide Zeitreisen in ihrer Abgehaktheit und dem Sehen bestimmter Abläufe unglaubwürdig, aber Pals Spezialisten schaffen es noch etwas besser und definitiv schicker.

In der Story hält sich der Klassiker mehr an die Vorlage. Der Zeitreisende wird hier George genannt, wie H. George Wells (und auch wie Regisseur George Pal), auf seiner schlittenartigen Maschine steht auch „Manufactured by H. George Wells“. Er verkürzt und verändert den anfänglichen Erklärungen zum schlechteren. Dann begibt er sich in eine Zwischenstufe, die das Buch nicht kannte: Eine Zeit in der der Planet dem nuklearen Holocaust anheim fällt. Hier erkennt man deutlich seine Entstehungszeit zum Höhepunkt des Kalten Krieges. Das schlägt sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte nieder.

Die Eloi sind hier zwar wie im Buch klägliche Gestalten, aber solche die wenn sie aufgerüttelt werden gegen den bösartigen Feind vorgehen können und sich potentiell zu alter Großartigekeit erheben können. Georges Interesse an Weena ist hier sogar eine ausgewachsene Romanze. Und nach anfänglichem Ärger und Beschimpfung als Gemüse will er den Eloi helfen. Klärung der Umstände bietet hier eine Bibliothek rostfreier Metallscheiben, die Audiodaten wiedergeben, wenn man sie dreht.

Die Morlocks sind wirken hier schon durch die einfacheren Kostüme menschlicher als in der 2002er-Variante, sind aber genauso bösartig. Sie nutzen listig Alarmsirenen aus, die die Eloi dazu veranlassen in ihre Höhlen zu kommen; es ist „Bomberalarm“. In diesem Film wird eine katastrophale Explosionsserie ausgelöst die die hiesigen Morlockhöhlen zum Einsturz bringt. Am Ende reist George wieder zu den Eloi und Weena, um diesen bei dem Aufbau einer neuen Zivilisation zu helfen. Er nimmt drei Bücher mit und als einer seiner Freunde und Georges Haushälterin darüber reden, stellt der Mann ihr aber auch dem Zuschauer die Frage, welche 3 Bücher sie mitgenommen hätte.

Als genialer Erfinder dürfte Georges Geist eh Dinge enthalten die wichtiger als jedes Buch sind, aber ich denke technisch-handwerkliche und praktisch anwendbare basiswissenschaftliche Werke (wie Erzeuge ich dies und das) dürften das beste sein. In den Seelen der Eloi muss vielleicht auch ein lang verloschenes Feuer entfacht werden, doch das muss eben der Reisende erledigen. Dabei kommt es auch weniger auf Genauigkeit an. Andererseits wäre Goethes Faust oder eine Shakespeare Sammlung sicherlich auch ein nicht zu verachtender Schatz.


Den Unterschied zwischen den beiden Filmen kann man auch deutlich in dem untermalenden Score ablesen bzw. -hören. Beide sind gelungen und auch streckenweise ähnlich. Der ältere ist aber mMn noch etwas besser und bringt sowohl die Dramatik als auch den „Sense of Wonder“ besser rüber. Den größten Unterschied gibt es aber bei den Themen der Eloi. Der neuere von Klaus Badelt (Fluch der Karibik) nutzt hier Gesänge wie von „edlen Wilden“. Der ältere von Russel Garcia (Atlantis – The lost Continent, ein Medley davon ist auch auf der CD der Zeitmaschine) ist dabei eher verspielt, vielleicht naiv, und (wegen Weena) lieblich.

 

Die Zeitmaschine, ein vielfach wiederverwertetes Requisit:



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