Babel

Babel ist der hebräische Name der antiken Supermacht Babylon. Laut Altem Testament bauten die Bewohner an einem riesigen Turm, der bis in den Himmel reichen sollte. Gott fürchtete aber, dass den Menschen, wenn sie das schaffen, nichts mehr unerreichbar sein wird und sabotierte/bestrafte die Menschen durch die Sprachverwirrung. Vorher sprachen alle Menschen eine Ursprache, nun verstehen sie sich gegenseitig nicht mehr. Sinnbildlich kann man darunter natürlich auch jede Art von Kommunikationsproblemen aufgrund kultureller oder gar persönlicher Unterschiede verstehen. Babel ist übrigens ein Wortspiel, dass im Hebräischen „Geplapper“ oder „Gebrabbel“ bedeutet – auch hierzulande ist „babbeln“ ja ein üblicher Ausdruck.

Diesen bedeutungsträchtigen Namen wählte der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu für sein jüngstes Werk aus dem Jahre 2006, das mit Amores Perros und 21 Gramm eine thematische Trilogie bildet.


Darin werden vier lose verwobene Erzählstränge gezeigt. Ein taubstummes, japanisches Mädchen, dessen Mutter Selbstmord beging, versucht aus ihrer Isolation auszubrechen. Zwei junge, marokkanische Brüder machen Unsinn mit einem Gewehr. Sie schießen auf einen Bus, was als terroristischer Anschlag gedeutet und entsprechend hartnäckig verfolgt wird. Ein nordamerikanisches Paar (Brad Pitt & Cate Blanchett) macht Urlaub um ihre Ehe zu kitten, die Frau wird von eben jenen Brüdern angeschossen. Weil kein Krankenhaus in der Nähe ist, wird sie in einem einfachen Dorf versorgt. Ihre mitreisenden Touristen wollen jedoch nicht in der brütenden Hitze in der „Wildnis“ warten, falls der Reisebus noch benötigt werden sollte. Derweil reist in den USA eine mexikanische Hausangestellte des Paares mit deren Kindern und chauffiert von ihrem Neffen über die Südgrenze, weil ihr Sohn heiratet. Auf dem Rückreise kommt es zu einem folgenschweren Konflikt mit den Grenzbeamten.


Das ganze ist spannender als es hier den Anschein macht, aber längst keine Konkurrenz gegen Iñárritus vorigen Film 21 Gramm. Wieder verwendet er eine nicht-chronologische, sondern dramaturgische Szenenabfolge, doch die kann hier nicht so sehr überzeugen. Die Geschichten hängen kaum zusammen, sie sind nicht verwoben sondern es gibt einen mehr oder weniger entscheidenden Kontaktpunkt. Die japanische Geschichte ist eigentlich völlig unabhängig. Nun ist das bedauerlich, wäre aber nicht weiter schlimm, wenn denn jede einzelne Geschichte allein betrachtet gelungen wäre und man sie nur wegen der Kürze in einen Film zusammengefasst hätte, womit dann hoffentlich auch eine gewisse Knackigkeit einher ginge. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Geschichten eher aus Mangel an an guten Einfällen vereint wurden. Dass die Vermischung dazu diente die Schwächen zu verschleiern; man hätte die vier Geschichten ja auch nacheinander zeigen können.


Das klingt jetzt sehr negativ, aber es ist Versagen auf hohem Niveau. Es gibt schon einige nachdenkliche oder emotional ergreifende Stellen, aber eben nur von mittlerer Qualität. Dem durch den Namen verheißenen Thema wird auch recht ordentlich nachgekommen. Bei dem taubstummen Mädchen ganz offensichtlich, bei den Brüdern am schwammigsten und auch am schlechtesten. Dazwischen liegt der konfliktfördernde Unterschied zwischen den USA und Mexiko, der auf der Hochzeitsfeierlichkeit leicht anklingt, und dann auf einfache Art durch einen Mangel an Verständnis zur Eskalation gebracht wird und das Amipaar, das aber eigentlich mehr Probleme hat miteinander zu reden als mit den Einheimischen. Durchaus verschiedene Varianten also, die hier eingebracht werden. Im Film selbst wird neben Englisch, auch Spanisch, Japanisch und Arabisch gesprochen.

Die Schauspieler machen ihre Sache ordentlich, aber gegen Naomi Watts und Benicio del Toro – um nochmal mit 21 Gramm zu vergleichen – sind sie doch eher armselig. Was zum Teil sicherlich auch daran liegt, dass das Drehbuch weniger hergibt und sich einfach mehr Personen das Spotlight teilen müssen.


Der überwiegend besinnliche, teils aber auch energetische Soundtrack von Gustavo Santaolalla gewann den Oscar für die beste Musik. Dabei setzte er sich unter anderem gegen Pan's Labyrinth durch.


Alles in allem also nur lohnenswert, wenn man für Iñárritus Art und die erzählte Art von Geschichten etwas übrig hat. Nötig ist ein Anschauen keinesfalls.